Interview mit Prof. Lindstädt

Herr Prof. Dr. Lindstädt, die Verknüpfung von Wissenschaft, insbesondere aus einem naturwissenschaftlichem Umfeld heraus, und der betriebswirtschaftlichen Praxis ist ein Anliegen, das Sie persönlich vertreten und in Ihrer Laufbahn, unter anderem durch Unternehmenskooperationen als Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmensführung am KIT, erreichen konnten. Hätten Sie sich gewünscht, solch eine Möglichkeit schon während Ihres Studiums, vielleicht unterstützt durch eine Hochschulgruppe Ihrer Universität, gehabt zu haben?

Zunächst einmal halte ich eine solche Verknüpfung für sehr wichtig und sinnvoll. Auch schon zu meiner Zeit gab es einige Verbindungspunkte, zwar nicht in Gestalt von delta, jedoch waren zum Beispiel einige meiner Professoren aus der freien Wirtschaft.

Dass es zur Annäherung von speziell dem KIT und der Wirtschaft kam, war sicher von beiden Seiten gewünscht und initiiert, da es auch für beide Seiten Vorteile bietet: Die Universität erlangt eine bessere Position in Bezug auf die Praxisorientierung des Studiums, das Unternehmen gewinnt einen Zugang zu High Potentials.

In Ihrem Buch „Optimierung der Qualität von Gruppenentscheidungen“ beschreiben Sie Modelle zur Optimierung von Gruppenentscheidungen. delta versteht sich als basisdemokratischer Verein und Unternehmensberatung. Worin sehen sie Risiken und Chancen dieses Modells?

Vor allem in kleinen Unternehmen, in denen sich die einzelnen Personen untereinander kennen, ist es durchaus sinnvoll, Entscheidungen über Mehrheitsbeschlüsse zu fällen. Auch das Partnersystem, mit dem viele Beratungen arbeiten, kann – unter Einschränkungen – als ein basisdemokratisches System gesehen werden.

Als Risiko dieses Systems sehe ich vor allem, dass in der Praxis zur Konfliktvermeidung kritische Entscheidungen unter Umständen gar nicht getroffen werden. Das ist oft schlechter als eine Lösung, mit der ein Teil des Unternehmens nicht zufrieden ist.

Das Thema „Lean Startup“ zieht immer größere Kreise. Selbst Konzerne, wie Siemens, der eine Innovations AG zur Start-Up-Finanzierung gegründet hat, versuchen verstärkt den Trend und die damit verbundenen Chancen zu nutzen. Wie sehen Sie den aktuellen Trend des Intrapreneurships und der Chancen für deutsche Konzerne? Ist dies für Sie eine neue Möglichkeit zur Unternehmensführung und -organisation?

Große Unternehmen bekommen so die Chance, ihren Fokus verstärkt auf Innovation zu legen. Das tut einigen europäischen Großkonzernen sicherlich gut. Allerdings muss stets abgewägt werden, inwiefern ein Intrapreneurship die beste Lösung ist und nicht ein selbstständiges Start-Up bessere Möglichkeiten bietet.

Zum einen sind natürlich die Anreize für einen selbstständigen Gründer ganz andere als die eines Intrapreneurship-Gründers, andererseits führen die Kontrollsysteme und Compliance-Richtlinien großer Unternehmen zu einem Agilitätsverlust des Start-Ups. Schnelle Entscheidungen, die eine große Stärke von Start-Ups sind, können so unter Umständen nicht getroffen werden.

Zu welcher Art der Gründung würden Sie raten?

Allgemein lässt sich das natürlich nicht beantworten. Allerdings würde ich eine Gründung innerhalb eines Unternehmens nur dann bevorzugen, wenn das Start-Up auf bereits bestehende Ressourcen oder Strukturen des Unternehmens angewiesen ist. Andernfalls sollte eine Gründung immer außerhalbe eines Unternehmens stattfinden, um schnelle Entscheidungen zu ermöglichen und einer eventuellen Einflussnahme durch den Mutterkonzern vorzubeugen.

Sie haben mehrere Jahre als Berater und Projektleiter bei McKinsey gearbeitet. Immer mehr Unternehmensberatungen haben Schwierigkeiten Nachwuchs zu finden, da die häufig beschriebene Lebenseinstellung der Generation Y sich aktuell nur schwer mit dem Beraterleben vereinbaren lässt. Gilt wirklich „Gründen ist das neue Beraten“?

Beraten ist sicher gut. Wenn man aber eine Idee hat und diese umsetzbar ist: Gründen! Notwendige Kenntnisse, zum Beispiel für die Ausarbeitung eines konkreten Business Plans oder die Durchführung einer Marktanalyse lassen sich im Zweifel auch einkaufen Für Gründer besteht vor allem ein großes Gewinnpotential. So gibt es einige deutsche mittelständische Unternehmen, sogenannte „Hidden Champions“, die Ihnen und mir völlig unbekannt sind, jedoch in ihrem speziellen Bereich den Weltmarkt anführen. Jedoch ist es natürlich schwierig ein solches Unternehmen aufzubauen. Wenn das dann noch social sein soll, wird es noch schwieriger

Zur erfolgreichen Gründung ist unbedingt zu beachten, dass eine Fremdfinanzierung oft gar nicht notwendig ist, sondern lediglich das Risiko birgt, in Abhängigkeit von einem Investor zu geraten. Die Zeit, die man in der Suche von Investoren spart, lässt sich wunderbar in neue Kundenkontakte investieren. Gerade in der Startphase ist höchste Priorität mit einer Hands-On Arbeitsweise am konsequenten Wachstum des Start-Ups zu arbeiten. Unbedingtes Ziel sollte sein, möglichst viel Einfluss auf das eigene Unternehmen zu behalten. Vor allem wenn das Unternehmen dann richtig durchstartet ist eine hohe Equity von Vorteil.

Wie kann delta jungen Start-Ups helfen zu wachsen und erfolgreich zu werden?

delta kann jungen Gründern vor allem dabei helfen, sich am Markt zurechtzufinden. Einerseits durch eine klassische Marktanalyse, vor allem aber auch Gründern hilfreiche Kontakte in der etablierten Wirtschaft vermitteln. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es ehemalige Gründer, die sehr gerne bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben. Sicher wäre es eine gute Möglichkeit solche „Businessangels“ an junge Gründer zu vermitteln.

Im Jahr 2016 feiert delta sein zwanzigjähriges Jubiläum, welches wir unter anderem mit einer Podiumsdiskussion zum Thema Unternehmertum feiern. Möchten Sie uns und den anderen 120 jungen Menschen in unserer Organisation etwas für die kommenden Jahre mit auf den Weg geben?

Machen Sie auf jeden Fall so weiter wie bisher. Die Mitglieder von delta sollten ihr Engagement bei delta vor allem als Möglichkeit sehen, neue Dinge und Themen anzufassen.

delta soll allerdings nicht versuchen eine typische Beratung zu sein, sondern gerne auch neue Konzepte ausprobieren.

Mit Fehlschläge muss hier durchaus gerechnet werden, aber wie Winston Churchill so treffend sagte: „Erfolg heißt einmal mehr aufstehen als umgeworfen zu werden.“