Interview mit Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth

Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth übernahm im Alter von 21 Jahren den Großhandelsbetrieb seines Vaters und war maßgeblich am Aufstieg zum heute bekannten Wirtschafts- und Industrieimperium der Würth Gruppe beteiligt.
Durch seine Position als Kurator von delta lässt er interessierte Studenten an seinem enormen Erfahrungsschatz im Bereich der Unternehmensführung und des gewinnorientierten Unternehmenswachstums teilhaben, den er bis heute angesammelt hat.
Kuratoren deltas sind ausgewählte Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, die die Teams bei der Projektarbeit durch ihre Expertise und ihre Kontakte unterstützen.

Sie sind ein Unternehmer mit einer bemerkenswerten Lebenserfahrung und halten sich bis heute in der Wirtschaft als eine gefragte Persönlichkeit. Sie mussten dabei viele Entscheidungen treffen. Welche Entscheidungen würden Sie heute gerne rückgängig machen?

Ehrlich gesagt würde ich mein Berufsleben wieder genauso wiederholen, kleine mögliche Änderungen sind nicht der Rede wert.

In zwanzig Jahren Unternehmensgeschichte wurde delta durch viele Generationen Studenten von einem universitären Projekt zu einer GmbH weiterentwickelt und konnte so eine der fortschrittlichsten Studentischen Unternehmensberatungen Deutschlands werden. Dabei war der Unternehmergeist stets einer unserer Kernwerte, durch den wir diesen Fortschritt erreichen konnten.
Welche Eigenschaften haben Ihnen besonders dabei geholfen, das Würth-Unternehmen zu solch einem großen Imperium aufzubauen? Was hat Ihre Führung von anderen Unternehmen unterschieden und somit zum Erfolg geführt?

Wichtig war für mich immer, Vorbild zu sein. Sodann habe ich sehr viel mit Dankbarkeit, mit Anerkennung und Respekt vor der Leistung der Mitarbeiter gearbeitet.
Nie habe ich gute oder super Leistungen als selbstverständlich unter den Teppich gekehrt, sondern schriftlich oder persönlich meinen herzlichen Dank und meinen Respekt zum Ausdruck gebracht.
Ferner ist es gelungen, unter dem Top-Management ein hohes Maß an Vertrauen und freundschaftlicher Kollegialität herzustellen. Intrigen, Kabalen, kleinliche Revierkämpfe zwischen Führungskräften oder Fachbereichen sind absolut unbekannt. Massiv habe ich jede Art von Arroganz bekämpft.

Haben Sie Grundsätze, die Sie jungen Unternehmern und Studenten mit auf den Weg geben möchten? Was würden Sie jungen Unternehmern ans Herz legen, um in der heutigen Wirtschaft erfolgreich zu sein?

Im Umfeld der Informationstechnologie und auch mit ihrer Hilfe lassen sich viele neue Geschäftsideen realisieren, wobei wichtigste Grundlage ist: WACHSTUM OHNE GEWINN IST TÖDLICH!

Mit 19 Jahren haben Sie die Firma Ihres Vaters übernommen. Einige junge Menschen entscheiden sich heute dazu, sich selbstständig zu machen. Sie gründen Start-Ups und entwickeln neue Ideen, sie wollen auf eigenen Beinen stehen und werden dabei durch den Staat und Investoren gefördert. Hätten Sie in Ihrer Jugend diese Möglichkeit genutzt und auch selbst gegründet, anstatt in das Familienunternehmen zu gehen?

Hätte mein Vater nicht 1945 dieses Unternehmen gegründet, wäre ich vermutlich auf einem ganz anderen Berufsweg gelandet: Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich Schulmeister werden sollte – ihre Idee war, dann hätte ich eine gesicherte Existenz und viel Ferien.
Aber selbstverständlich, wäre ich in die Lage gekommen, ein Unternehmen zu gründen, hätte ich alle Fördermöglichkeiten, die es heute gibt, voll ausgeschöpft.

Sie haben mehrere Auszeichnungen für die Start-Up-Förderung erhalten. Unter anderem bekamen Sie 2004 den deutschen Gründerpreis und sind seit September 2015 Ehrensenator am KIT in Karlsruhe, unserer Heimatuniversität. Wie engagieren Sie sich konkret für die jungen Unternehmerinnen und Unternehmer?

Nachdem ich inzwischen über 80 Jahre alt bin, bin ich dabei, mich immer mehr aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Gleichwohl fördert natürlich die Gemeinnützige Stiftung Würth auch eine limitierte Anzahl an Unternehmensgründungen.

delta ist ein von Studenten gegründetes Unternehmen, welches als Unternehmensberatung als Kernwert Unternehmertum auch unter Studenten aktiv fördert. Haben Sie Erfahrungen mit klassischen Beratungen gemacht? Was ist Ihre Meinung zu Unternehmensberatungen?

Ich selbst war immer nur ganz am Rande als Berater für junge Unternehmer tätig und habe einige wenige Jungunternehmer bei ihren ersten Schritten begleitet.
Mit klassischer Unternehmensberatung habe ich natürlich viel Erfahrung. Im Abstand von etwa 10 Jahren lassen wir unsere Unternehmen durch erfahrene Unternehmensberater (McKinsey, Prof. Simon u.a.) unsere Unternehmensprozesse durchleuchten und analysieren. Abgesehen davon, dass man manches Mal den Eindruck hat, die Berater nehmen mehr mit, als sie bringen, gibt es doch immer wieder neue Ideen und Denkansätze, die wir in unseren Unternehmen erfolgreich und gewinnbringend implementiert haben. Tüchtige Unternehmensberater sind ein unverzichtbarer Bestandteil erfolgreichen Wirtschaftens.

Die Idee, dass „Eigentum verpflichtet“, nehmen Sie sehr ernst, wenn es um die aktuelle Flüchtlingssituation geht und unterstützen mit Ihren Mitteln sowohl finanziell als auch durch ein Bildungs- und Ausbildungsangebot. Was können weniger finanzstarke Unternehmen oder auch Einzelne dafür tun, in dieser schwierigen Zeit zu helfen?
Wie kann zum Beispiel delta als Gruppe engagierter Studenten einen Teil zur Integration von Flüchtlingen leisten?

Tatsächlich hat Würth zur Flüchtlingshilfe spontan 500.000 EUR und ein leerstehendes Gebäude für 80 Flüchtlinge zur Verfügung gestellt.
Die Mitglieder von delta können auch durch kleine Spenden ein klein wenig zur Linderung der Not beitragen. Sich im Ehrenamt bei der Essensverteilung oder bei der Einrichtung von Deutschkursen einbringen, kostet nicht einmal etwas und bringt unglaublichen Nutzen: Nicht für ausgeschlossen halte ich, dass die Flüchtlingswelle in drei bis vier Jahren von heute, also gegen das Jahr 2020, Deutschland ein zweites großes Wirtschaftswunder bescheren wird – dann können die Flüchtlinge Deutsch, mit ihrem unbändigen Arbeits- und Einsatzwillen werden die jungen Syrer der inzwischen etwas wohlstandsverschlafenen Entwicklung in Deutschland sozusagen Beine machen.

Im Jahr 2016 feiert delta das zwanzigjährige Jubiläum. Möchten Sie uns und den anderen 120 jungen Menschen in unserer Organisation etwas für die kommenden Jahre auf den Weg mitgeben?

Zunächst möchte ich natürlich zum 20-jährigen Jubiläum von delta gratulieren. Mit Sicherheit haben Sie vielen Unternehmen und Unternehmern manche Kick-Off-Idee mitgegeben, die großen Erfolg auslöste.
Eines bewegt mich seit meiner frühen Unternehmerzeit unverändert bis heute:
Die wichtigste Basis für langanhaltenden Erfolg ist der Grundsatz: „Wachstum ohne Gewinn ist tödlich“. Dies empfehle ich allen Beratern von delta, den Kunden mitzugeben. Dieser Grundsatz wurde mir als jungem 25-jährigen Kaufmann vom damaligen Direktor der Volksbank Künzelsau geradezu eingebläut in jener Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, also in den 60er Jahren. Oft bin ich mit 60 oder 80 % pro Jahr gewachsen und war immer klamm an Geld, weil ich ja über die höheren Debitoren-Außenstände und das größere Warenlager permanent an Liquiditätsmangel litt.
Eines Morgens zitierte mich Direktor Häuber und erklärte: „Würth, jetzt hast du schon wieder dein Konto überzogen, wenn du das noch einmal tust, sperre ich dir das Konto, honoriere keine Schecks mehr, ich lass mir doch von dir nicht meine Pension kaputt machen!“ Diese Standpauke war für mich ein lebenslanges Lehrstück und ich begriff, dass Unternehmenswachstum nur möglich ist, wenn angemessene Renditen erwirtschaftet werden, um das Bilanzsummenwachstum durch Eigenkapital unterlegen zu können.
Dankbar bin ich, dass dies gelungen ist. Seit 20 Jahren haben wir von Standard & Poor’s ein Rating mit A stabil und verfügen heute bei 4 Mrd. EUR Eigenmitteln und einer Eigenkapitalquote von 42 % über eine recht solide Basis für weiteres Wachstum.